Verband IT-Mittelstand zum IT-Gipfel
Große Erwartungen über die Zukunft der Branche wurden auf dem IT-Gipfel verkündet. Rund 450.000 neue Arbeitsplätze könnten in Deutschland mittels der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) entstehen. Der Verband IT-Mittelstand ist durchaus der Meinung, dass diese Schätzung zu gering ist. Weitaus mehr Arbeitsplätze könnten entstehen, wenn eine innovative Wirtschaftspolitik die gesamte IKT-Branche bei der Umsetzung ihrer Ideen in marktreife Produkte und Dienstleistungen unterstützen oder zumindest nicht den Wettbewerb durch die Zementierung oligopolistischer Strukturen verzerren würde.
Dies aber ist nicht der Fall. Die Jubelstimmung des Gipfels kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass von den rund 50 Milliarden Euro des Konjunkturpakets II nur 500 Millionen in die IKT fließen, obgleich diese im Branchenvergleich mit 830.000 Beschäftigten die zweite Stelle besetzt. Diese 500 Millionen wiederum werden für einige IT-Großprojekte verwendet, von denen die üblichen Verdächtigen der IKT-Branche profitieren. Wer aber völlig aus dem Blickfeld gerät, ist offensichtlich der IT-Mittelstand, der als Zulieferer betrachtet wird, statt als eigenständiger Wirtschaftsfaktor mit innovativen Dienstleistungen und kundenorientierten Produkten. Dies ist um so bedenklicher, als die staatlichen Mittel, die auf großzügige Weise in diese Vorhaben fließen, wie derzeit beim "Hercules"-Projekt der Bundeswehr, auch aus Steuergeldern der mittelständischen Wirtschaft finanziert werden. Die Transfermittel können dann andererseits von den Auftragnehmern im Preiswettbewerb der Privatwirtschaft eingesetzt werden, um unliebsame mittelständische Konkurrenz zu unterbieten.
Die aufgelegten Projekte nützen dem IT-Mittelstand jedenfalls nichts und über ihre Funktion als Innovationstreiber, die nicht nur kurzfristig Beschäftigung schaffen, sondern langfristig Zukunft gestallten sollten, kann gestritten werden.
Beispielsweise lässt sich die einheitliche Behördenrufnummer 115 als eindrucksvolles Projekt darstellen, mit dem neue IT-Gipfel erklommen werden, oder aber schlicht als Einrichtung eines größeren Callcenters beschreiben. Inwiefern dies aber der strategischen Entwicklung des IT-Standortes Deutschland oder aber nur den Auftragsbüchern einiger weniger Unternehmen dient, ist unschwer zu erkennen. So bewegte sich die Diskussion in den gewohnten Bahnen der Infrastruktur-Projekte und nicht der sich dynamisch entwickelnden offenen Systeme auf Grundlage des Internets.
Sicher ist es zu begrüßen, wenn die Breitbandkommunikation vorangetrieben wird, auch wenn die Zukunftstechnologie des Glasfaserkabels unterrepräsentiert ist, schon aber der Fall der derzeit spektakulär scheiternden elektronischen Gesundheitskarte zeigt, dass diese fest gefahrene Denkweise in der heutigen Zeit schnell an ihre Grenzen stößt. Für die Beteiligten ist der Endanwender oder Endkunde augenscheinlich ein unbekanntes Wesen oder aber sie haben schon die Hoffnung aufgegeben, dass deutsche Unternehmen im tatsächlichen World Wide Web von Google, Facebook, Youtube, Ebay und Amazon jemals eine Rolle spielen werden. Dabei bieten sich gerade hier derzeit Chancen. Das mobile Internet hat seine Startlöcher verlassen und auch in Deutschland existieren fähige Unternehmer und kreative Entwickler die Applikationen nahe bei den Wünschen und Bedürfnissen der "User" schaffen. Diese kleineren und mittleren Unternehmen gilt es zu hegen und zu pflegen, denn aus ihren Netzwerken können in unvorhersehbaren Prozessen die Anwendungen der Zukunft entstehen. Statt dessen werden altbekannten Ansätze durchgeführt. Das Deutschland Valley, wie es dem Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle vorschwebt, soll durch Standardantworten gebildet werden. Dass der Erfolg des Silicon-Valley genau auf dem Gegenteil beruht, scheint unbekannt. Die smarten Algorithmen von Google, die auf den Forschungen zur künstlichen Intelligenz beruhen, wären auf dem IT-Gipfel wahrscheinlich nur am Katzentisch erwähnt worden, hätte sie seinerzeit ein junger Unternehmer vorgestellt, denn diese lassen sich nicht wie ein Auto oder ein Monitor anfassen und bestaunen.
Quelle: Pressemeldung VDEB Verband IT-Mittelstand e.V.
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